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Vergiftungen bei Kindern

Die Lindenapotheke hat sich mit Frau Dr. med. Karen Gutscher über ihren Arbeitsalltag bei Tox Info Suisse, insbesondere über Vergiftungsfälle bei Kindern, unterhalten.
Von täglich mehr als 100 Beratungen betreffen mehr als die Hälfte der Auskünfte Vergiftungen bei Kindern.

Gibt es allgemeingültige Aussagen in Bezug auf die Schwere einer Vergiftung?

Jede Anfrage ist ein Einzelfall und entsprechend als solcher zu behandeln. Besonders bei Anfragen, die Kinder betreffen, ist es nicht immer möglich, generelle Empfehlungen abzugeben. Zwar gibt es ein Merkblatt über Vergiftungen, Auflistungen giftiger und ungiftiger Pflanzen aller Art oder eine Broschüre, was bei Schlangenbissen zu tun ist. Weil aber vier von fünf Anfragen beim Tox unvorhersehbare Unfallsituationen betreffen, haben die involvierten Personen diese Merkblätter nicht zur Hand.

Notfallnummer Tox Info Suisse: 145

Besteht der Verdacht, dass ein Kind eine giftige Substanz eingenommen hat oder damit in Kontakt gekommen ist, ist es meine Aufgabe – auf Basis der verfügbaren Informationen – abzuschätzen, ist es eine harmlose Situation oder kann es heikel werden. Anhand der Substanz, der maximal aufgenommenen Menge und dem Wirkungseintritt (sofort oder erst später) treffe ich die Entscheidung, was zu tun ist. Je genauer die Angaben sind, die ich erhalte, desto präziser sind unsere Voraussagen. Ich gehe immer vom schlimmsten möglichen Vergiftungspotenzial aus. Es kann daher durchaus sein, dass ein Kind zur Überwachung ins Spital muss, auch wenn im Endeffekt gar keine Symptome auftreten werden. Zum Teil reicht eine reine Beobachtung, zum Teil versuchen wir aktiv zu intervenieren und die Aufnahme der Substanz oder ihre Wirkung zu verhindern.

Erbrechen auslösen ist aber immer falsch. Auch das Auspumpen des Magens wird heute kaum mehr praktiziert. In Einzelfällen wird spezifisch mit der Kamera (Gastroskopie) etwas aus dem Magen geholt.

In vielen Fällen geben wir Entwarnung und die Betreuungsperson kann das Kind zu Hause behalten.

Wie entscheiden Sie im Einzelfall über das weitere Vorgehen?

In der Toxikologie kann man sich auf keine Studien am Menschen abstützen. Die gibt es nicht. Tierstudien helfen auch nicht. Unsere Empfehlungen basieren auf Beobachtungsstudien bei Vergiftungsfällen und Datensammlungen.
Ich arbeite seit 12 Jahren im Tox und merke: Je länger ich dabei bin, desto schneller kann ich im Einzelfall die Situation einschätzen. Ich weiss mittlerweile beispielsweise, welche Putzmittel ich genauer anschauen muss. Allerdings darf ich mich nicht darauf verlassen. Vor ein paar Jahren bemerkten wir z.B. eine Häufung von Atemschwierigkeiten im Zusammenhang mit Imprägnierungssprays, die bis dato keine uns bekannte schwere Vergiftungsgefahr darstellten. Das Problem war, dass es eine Änderung in der Zusammensetzung dieser Sprays gab, die das gehäufte Auftreten von Atemschwierigkeiten durchaus erklärte und zum Rückzug des Produkts führte.

Was sind häufige Vergiftungen bei Kindern?

Kinder probieren Dinge, die sie nicht kennen, gerne mit dem Mund aus. So auch die Waschmaschinenpads, die in Form und Farbe für Kinder sehr «gluschtig» ausschauen. Solche Pads enthalten eine hohe Konzentration an chemischen Substanzen. Auch WC-Reiniger neben der Toilette und Duftsteine/Fresh-Discs im WC sehen zum «Anbeissen» aus und finden den Weg in den Mund: Sie sind in optimaler Kinderhöhe platziert, die kleinen Kinder können günstig am WC-Rand aufstehen, und Kinder planschen gerne am Wasser.

Wie sieht das Vorgehen beispielsweise bei einer Vergiftung mit Alkohol oder Seife aus?

Bei einer Vergiftung mit Alkohol – meist nehmen Kinder wegen des Geschmacks nur eine geringe Menge auf – tritt die maximale Wirkung nach einer Stunde ein. Wenn nach vier Stunden Beobachtungsphase nichts passiert ist, ist die Gefahr vorbei.Während dieser Zeit sollte man dem Kind zuckerhaltige Getränke verabreichen.
Wenn das Kind eine grössere Menge Seife eingenommen hat, wird es sich häufig bereits nach wenigen Minuten übergeben. Hier empfiehlt es sich, rascheinen Entschäumer zu geben.
Erfahrung zeigt, dass die tatsächlich aufgenommene Menge einer Substanz meistens niedriger war als die geschätzte Maximalmenge.

Welche Gefahren werden von uns Erwachsenen in der Umgebung von
Kindern leicht übersehen?

Aufgepasst auf alles, was in Griffnähe der Kinder ist. Auf dem Wickeltisch kriegen schon die Kleinsten schnell das Händedesinfektionsmittel oder das Babypuder in die Hände. Problematisch sind Medikamente, die Erwachsene griffbereit platzieren, damit an deren Einnahme gedacht wird.

Stichwort Medikamente: wir werden oft angefragt, was zu tun ist, wenn Kids Vitamine oder die Anti-Baby-Pille geschluckt haben.

Im Normalfall ist dies unbedenklich. Vorsicht ist hingegen bei Eisentabletten geboten. Die ähneln in Form und Farbe teilweise Smarties und sind ausgerechnet mit einer süsslichen Schicht überzogen. So schlucken Kids oft mehrere Tabletten. Das kann deftige Vergiftungserscheinungen zur Folge haben. Ebenfalls gefährlich sind Antidepressiva, Schmerzmittel, Antiepileptika, Blutzuckermedikamente, muskelentspannende Substanzen und gewisse Hustensäfte.

Was ist Ihre Message an Betreuungspersonen von Kindern?

Egal wie fest Sie aufpassen, es kann immer etwas passieren. Kinder können mehr, als wir ihnen zutrauen. So können sie sehr wohl auch mal einen kindersicheren Verschluss öffnen. Und weil der Husten- oder Schmerzmittelsirup so gut schmeckt, ist dieser auch in Sichtweite auf dem Schrank nicht sicher. Auch wenn wir denken, das kann mein Kind noch nicht, ist es manchmal doch flinker auf einem Stuhl und in der Höhe und somit am Medikament dran, als wir denken. Fragen Sie lieber einmal zu viel nach bei uns als einmal zu wenig. Ganz wichtig ist auch, dass Sie sich sofort absichern. Wenn Ihr Kind am Nachmittag eine komische Beere gegessen hat, warten Sie nicht, bis das Kind abends im Bett schläft, rufen Sie umgehend die Nummer 145 an. Es lohnt sich nicht, selbst nach der Toxizität einer Beere im Internet zu recherchieren. Die Menge und die Inhaltsstoffe machen das Gift.

Was sind Ihre Tipps und Tricks zur Vorbeugung von Kindervergiftungen?

  • Keine Produkte mit bekannten gefährlichen Inhaltsstoffen kaufen, z.B. Rohrreiniger oder gewisse Produkte für künstliche Fingernägel.
  • Bewahren Sie Medikamente und giftige Stoffe in der Originalverpackung auf. Füllen Sie gefährliche Flüssigkeiten nicht in Getränkeflaschen um.
  • Falls es sich nicht vermeiden lässt, Chemikalien und giftige Stoffe zu kaufen oder durch weniger giftige oder ungiftige Produkte zu ersetzen, bewahren Sie diese in separaten, abschliessbaren Fächern (mindestens 1,6 m über Boden) auf, z. B. Frostschutzmittel und Enteiser.
  • Beachten Sie Warnaufschriften und die Gebrauchsanweisung und entsorgen Sie Giftreste und abgelaufene Medikamente fachgerecht in ihrer Apotheke.

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